Seit drei Jahren belasten westliche Sanktionen die russische Luftfahrtindustrie erheblich. Was würde ein möglicher Frieden für die Luftfahrtbranche in Russland und Europa bedeuten?
Heinrich Großbongardt zählt zu den bekanntesten Luftfahrt-Analysten Deutschlands. Regelmäßig kommentiert er in Funk und Fernsehen aktuelle Entwicklungen der Branche. Im redigierten Interview, das ursprünglich im Rahmen des „Zaren. Daten. Fakten.“ Podcasts der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer geführt wurde, erläutert er die Herausforderungen und Perspektiven der russischen Flugindustrie.
Herr Großbongardt, aktuell gibt es vorsichtige Hoffnung auf Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Was würde ein Frieden für die Luftfahrt bedeuten?
Das hängt stark davon ab, wie sich die Beziehungen zwischen Russland und der EU entwickeln. Ich erwarte nicht, dass sich der russische Luftraum kurzfristig öffnet. Selbst wenn Überflüge technisch möglich wären, bleiben Sicherheitsbedenken groß. Niemand möchte riskieren, nach technischen Problemen in Russland notlanden zu müssen.
Lufthansa-Chef Carsten Spohr hofft auf eine Öffnung des russischen Luftraums spätestens 2028 oder 2029. Warum ist dieser Punkt so entscheidend?
Derzeit müssen Flüge nach China oder Nordasien erhebliche Umwege nehmen – entweder über die Polroute via Anchorage oder über den Süden via Iran und Indien. Diese längeren Strecken erhöhen Kosten und Reisezeiten erheblich. Jede zusätzliche Flugstunde kostet Zehntausende Euro, was Flüge für Airlines und Passagiere weniger attraktiv macht.
Auch Ryanair hat Ende 2024 angekündigt, Kapazitäten in Deutschland zu reduzieren. Steckt dahinter ebenfalls die Problematik geschlossener Lufträume?
Nein, das hat eher mit innerdeutschen Problemen wie der Luftverkehrssteuer und hohen Flughafenentgelten zu tun. Ryanair verlagert seine Kapazitäten häufig strategisch. Doch generell leiden europäische Airlines durch die Sperrung des russischen Luftraums massiv, während chinesische Fluggesellschaften weiter problemlos durch Russland fliegen und damit große Kostenvorteile genießen.
Könnte ein Frieden auch neue Geschäfte ermöglichen – etwa dass Russland wieder Boeing-Flugzeuge kaufen kann?
Kurzfristig ist das unwahrscheinlich, allein schon wegen fehlender finanzieller Mittel. Dringender ist die Versorgung mit Ersatzteilen. Hier könnten Sanktionserleichterungen den russischen Airlines erheblich helfen, die aktuell oft über Graumärkte versorgt werden.
Wie bewerten Sie aktuell die russische Flugindustrie? Trotz Sanktionen stiegen die Passagierzahlen zuletzt sogar wieder.
Der Anstieg überrascht tatsächlich. Er lässt sich hauptsächlich durch Graumarktimporte von Ersatzteilen erklären, etwa aus ausgemusterten westlichen Flugzeugen, die über Länder wie Dubai nach Russland gelangen. Allerdings sieht man zunehmend Flugzeuge, die monatelang nicht mehr fliegen und vermutlich als Ersatzteillager genutzt werden.
Russland setzt große Hoffnungen auf den neuen Mittelstreckenjet MS-21. Ist das realistisch?
Die MS-21 hat bislang große Schwierigkeiten. Russland fehlt es an der notwendigen Zulieferindustrie. Ursprünglich sollten westliche Komponenten wie Triebwerke von Pratt & Whitney verbaut werden, nun müssen eigene Lösungen gefunden werden. Vor allem Triebwerke sind technisch extrem anspruchsvoll – Russland ist hier weit von westlichen Standards entfernt. Das ambitionierte Produktionsziel, bis 2030 rund 270 Flugzeuge auszuliefern, halte ich für unrealistisch.
Russland hat geleaste Flugzeuge aufgekauft, die ohnehin bereits im Land waren. Warum dieser Schritt?
Russland möchte einen späteren Neustart der Luftfahrtbeziehungen nicht gefährden und internationale Flüge weiterhin durchführen können. Geleaste Flugzeuge laufen Gefahr, im Ausland beschlagnahmt zu werden. Durch den Kauf will man Rechtssicherheit schaffen, um internationale Verbindungen aufrechtzuerhalten.
Wie haben sich die Ticketpreise in Russland entwickelt?
Ticketpreise wurden in Russland stark subventioniert, früher finanziert durch Einnahmen aus Überflugrechten, die europäischen Airlines gezahlt haben. Diese Einnahmen fehlen nun, weshalb der Staat massiv einspringen musste, um Reisen weiter erschwinglich zu machen und die soziale Stabilität zu sichern.
Welche Aussichten sehen Sie für 2025?
Selbst wenn Friedensverhandlungen erfolgreich sind, dürfte es mehrere Jahre dauern, bis sich die Luftfahrtbranche in Europa und Russland erholt. Vor allem Sicherheitsfragen und politische Spannungen werden noch länger eine Rolle spielen. .
Dieses Interview wurde aus einer Episode des Zaren-Daten-Fakten-Podcasts der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer redigiert. Das vollständige Gespräch hören Sie im Podcast.